»Geschichte lernen führt zu einem Wissen, aus dem Gewissen wird.«

Wenn man diesen Satz liest, mag man sich fragen, wie Geschichte gelernt werden muss. Wie erlangt man Wissen? Und wie entsteht aus dem Wissen ein Gewissen?
Der Historiker Norbert Frei, der sich unter anderem mit der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland beschäftigt hat, kritisiert in seinem Buch „1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen“, dass unter dem Tugendgebot der Erinnerung »jeder Begriff von Geschichte und von den Vorzügen einer Geschichtsschreibung, die sich unabhän­ gig von politischen Identitätsstiftungsversuchen und Nützlichkeitserwägungen entfaltet, abhan­den gekommen zu sein« scheint.
Frei führt anschließend weiter aus, dass derjenige, dem etwas daran liegt, dass nicht nur »gedacht und erinnert, sondern gewusst und ver­ standen wird« 2 an einem Problembewusstsein, einem Differenzierungsbedürfnis und kritischer Aufklärung interessiert sein müsse.
Wenn es gelingt, dass Menschen ein Problembewusstsein entwickeln, sich nicht mit einfachen Erklärungen abgeben, sondern kritisch mit historischen Begebenheiten auseinandersetzen, wird aus Wissen nicht nur Gewissen. Auch die Anfälligkeit dafür, Geschichtsumdeutungen Glauben zu schenken, sinkt.
Geschichtsumdeutung, auch „Geschichtsrevisionismus“ genannt, verfolgt das Ziel, die Geschichtsschreibung zum Beispiel über den Nationalsozialismus aus politischer Motivation umzudeuten und so Verbrechen des NS-Regimes zu relativieren.
Ein Glossar der Bundeszentrale für politische Bildung hält fest:

»Dem Revisionismus geht es – anders als von seinen Vertretern oft behauptet – nicht um eine wissenschaftliche und objektive Auseinandersetzung mit Geschichte. Stattdessen manipulieren Revisionisten häufig Fakten, um den Nationalsozialismus zu verharmlosen. Zu diesem Zweck werden beispielsweise historische Dokumente und Überlieferungen bewusst fehlinterpretiert, der eigenen Ansicht widersprechende Forschungsergebnisse ignoriert oder bestimmte Ereignisse komplett geleugnet.« 3

Es ist nicht einfach, dieser revisionistischen Propaganda entgegenzutreten. Das hat auch der Historiker Markus Tiedemann festgestellt, der nach den Anschlägen auf Asylbewerberheime 1993 das Gespräch mit rechtsdenkenden Jugendlichen gesucht hat. Aus seinen Erfahrungen ist das Buch „60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt“ entstanden.4 Es gliedert Lügen, die von Lügen zur Person Hitlers, über Lügen über die NSDAP und den Staat bis zu Lügen über den Holocaust oder die deutsche Bevölkerung reichen, in neun Kapitel.
Exemplarisch werden drei Lügen und wie man ihnen begegnet im Folgenden skizziert:
»Hitler wusste nichts vom Holocaust.«
Bereits während der NS-Zeit gediehen Legenden und Lügen zur Person Hitlers. Dem charismatischen Führer Adolf Hitler traute man nichts Schlechtes zu. Vielfach überliefert ist der Ausspruch „Wenn das der Führer wüsste“. Hitler als Person wurde früh von den negativen Erscheinungen des Nationalsozialismus getrennt.
Die These, dass Hitler nichts vom Holocaust gewusst habe, lässt sich mit Hilfe vieler Zitate aus Hitlers Buch „Mein Kampf“ oder seinen Reden widerlegen. In einer Reichstagsrede am 30. Januar 1939 führte Hitler Folgendes aus: »Wenn es dem internationalen Finanzjudentum inner­ und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bol­schewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa!«
»Die KZs waren reine Erziehungs- und Strafager, in denen keine Gaskammern existierten.«
In Diskussionen, in denen diese These auftaucht, wird häufig versucht, sie damit zu belegen, dass ein Konzentrationslager besucht worden sei, in dem es keine Gaskammer gegeben habe.
Es ist richtig, dass nicht in allen Konzentrationslagern Gaskammern existierten. Die Existenz von Gaskammern zum Beispiel im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau lässt sich durch Pläne sowie durch Zeugenaussagen belegen.
»Die NSDAP hat in Deutschland die öffentliche Ordnung wieder hergestellt. Zuvor hat der Terror der Straße jedes Zusammenleben unmöglich gemacht.«
In die Kategorie dieser These passt auch der vielzitierte Satz, „es war nicht alles schlecht – nach 1933 konnte man wieder sicher über die Straße gehen“. Markus Tiedemann empfiehlt zur Entkräftung einige Gegenfragen:

• Warum konnte man vor 1933 nicht sicher auf die Straße gehen?
• Wie lange konnte man nach 1933 sicher über die Straße gehen, bis der Krieg das Leben bedrohte?
• Als Jüdin … hätte man aber nicht sicher über die Straße gehen können.

1 FREI, Norbert: 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen. Erweiterte Taschenbuch- ausgabe, München 2009, S. 18
2 Ebd.
3 http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/173908/glossar?p=55
[Zugriff: 09.04.2015]
4 TIEDEMANN, Markus: „In Auschwitz wurde niemand vergast.“ 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt, Mülheim an der Ruhr 1996