von Dora Streibl

Es war ein gewagtes Projekt. Eine Gedenkstättenfahrt für 1000 Jugendliche und junge Erwachsene klingt allein schon nach einem kaum stemmbaren organisatorischen Projekt. Dass diese 1000 mit den unterschiedlichsten Hintergründen, persönlich sowie politisch, ein gemeinsames Gedenken und Erinnern schaffen und zusammen ein Zeichen gegen das Vergessen setzen, erscheint utopisch.

Nichtsdestotrotz ist allein schon der Versuch, als breites Bündnis der Jugendverbände und -organisationen Verantwortung zu übernehmen, ein Signal, das eine Menge wert ist im heutigen Deutschland. In Zeiten von „unverkrampftem Party-Patriotismus“, einer bürgerlichen Mitte, die dank AfD, PEGIDA und Co. so offen wie lange nicht mehr mit rechtem Gedankengut flirtet und Gerichten, die Angriffe auf Synagogen als „legitime Israelkritik“ salonfähig machen, braucht die Gesellschaft viel mehr öffentlichen Druck und Kritik an der angeblichen „Vergangenheitsbewältigung“. Ich bin dankbar für ein Bündnis, das versucht sich einem solchen Alltag entgegen zu stellen, dem Alltag des Vergessens und Verdrängens, des sich-selbst-Verzeihens der Deutschen, des Missbrauchs von Erinnerungen an die Taten der deutschen Volksgemeinschaft. Dennoch muss man sich nach so einer Fahrt fragen, ob und wie weit man seinen eigenen, politischen Ansprüchen gerecht geworden ist.

In den fünf Tagen wurden die Teilnehmenden mit viel konfrontiert. In einer Flut aus historischem Wissen und Fakten musste man sich gleichzeitig mit den eigenen Emotionen beschäftigen, für viele war es das erste Mal, dass sie mit dem Vernichtungsapparat Auschwitz konfrontiert waren. In einem straffen Zeitplan bleibt kaum Zeit für Reflexion, man nimmt die Informationen und Eindrücke auf, doch für den Moment bleibt man überwältigt von der Unfassbarkeit der Verbrechen.
Der Schritt von der emotionalen Ebene zur politischen, ist dabei weder selbstverständlich, noch erfolgt er unter Umständen immer in die richtige Richtung:
Wenn etwa mit Esther Bejarano eine Überlebende in ihrem Bericht eine antizionistische Pauschalkritik gegen den Staat Israel hervorbringt und dabei zugleich den lange gereiften Bündniskonsens, nach dem auf dieser Fahrt kein Platz für Antizionismus ist, über Bord wirft. Und wenn nicht wenige Teilnehmende meinen, durch lautstarken Applaus diese Aussage unterstützen zu müssen. Oder sich Teilnehmende aus einer Antinationalität und einem Pazifismus heraus über die israelischen Flaggen und Soldat*innen beschweren. Hier kommen falsch verstandene Betroffenheit und ein unterbewusster Wunsch nach Schuldlosigkeit zusammen.

„Wir“ deutschen Nachkommen beschäftigen uns jetzt hier fünf Tage mit diesem Thema, „wir“ lernen aus der Vergangenheit – doch was ist mit den Nachkommen der Opfer der Deutschen, was die da machen ist doch auch furchtbar, oder? Wenn selbst eine Überlebende so denkt, dann kann das doch nicht falsch sein, oder?

Die pure Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, der Shoa und dem eigenen Empfinden reicht nicht. Es kann nicht sein, dass das Gedenken der Shoa für eine Erleichterung des eigenen Gewissens herhalten muss. Es kann auch nicht sein, dass ich mich auf ein bisschen Gedenken ausruhe, auf fünf Tagen intensiver Auseinandersetzung und dann wars das auch.

Was bisher fehlt ,ist die Verknüpfung. Was passierte nach der Befreiung? Wie hat sich die Gesellschaft verändert? Hat sie sich verändert? Mit welchen Kontinuitäten haben wir bis heute zu kämpfen? Woher kommt dieser jüdische Staat Israel und warum gibt es ihn? Wie zeigt sich Antisemitismus heute?
Ich hoffe somit, dass diese Fahrt als bloßer erster Schritt verstanden wird. Die Verbände müssen Verantwortung übernehmen. Grundsteine, die mit Gedenkstättenbesuchen und mit Emotionen und wissenschaftlichen Fakten gelegt wurden, müssen als Fundament für eine umfassende Gesellschaftskritik genutzt werden.

Das Bündnis hat sich das Globalziel gegeben, „dass Auschwitz nie wieder sei“. Das ist kein Ziel hinter das man irgendwann auf der Checkliste ein Häkchen machen kann, sondern es bedeutet tagtägliche Arbeit. Arbeit gegen Geschichtsumdeutungen, gegen Antisemitismus in jeglicher Form, gegen Unterdrückung, gegen den gesellschaftlichen Normalzustand.

Mein Wunsch wäre es, dass diese Fahrt kein einmaliger Steinwurf in diesem täglichen Kampf bleibt, sondern dass sie ihre Kreise ziehen würde; ob innerhalb exakt dieses Bündnisses, durch die einzelnen Verbände oder durch das bestärkte Engagement von Teilnehmenden – eine Veränderung des Bestehenden ist nur möglich, wenn wir tatsächlich unser Wissen über Vergangenes für eine bessere Zukunft nutzen, ohne dabei in einem Wirrwarr aus unseren eigenen Befindlichkeiten stehen zu bleiben.